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am 23. April

Von Kartoffeln, Käfern und Klee

Webredaktion Grüne Donaustadt - Ein Interview mit Bio-Bauer Manfred Radl

Für alle, die sich für biologische Landwirtschaft, Selbsternte-Parzellen und Solidarische Landwirtschaft interessieren, finden sich im folgenden Interview viele spannende Informationen. Und das Besondere daran – der Interviewpartner ist ein Bio.-Bauer aus Hirschstetten!


Lieber Herr Radl, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben! Hier unsere erste Frage:

Was ist der Unterschied zwischen Bio-Landwirtschaft und konventioneller Landwirtschaft?

Das ist in erster Linie die Art der Bewirtschaftung oder die Ideologie dahinter, so wie ich das vom Vater gelernt habe und wie wir das seit 26 Jahren betreiben. Wir fügen nichts zu, keinen Bio-Dünger und kein Bio-Schädlingsbekämpfungsmittel. Wir düngen rein über die Fruchtfolge, und über die Fruchtfolge erfolgt auch die Schädlingsbekämpfung. 

Was heißt „Fruchtfolge“?

Bei uns ist es so, dass wir in der Bewirtschaftung Zyklen von sieben Jahren haben. Über den Lauf von zwei Jahre werden vor allem Luzerne, eine Klee-Art, angebaut, und über diese zwei Jahre regeneriert sich der Boden und reichert sich mit Nährstoffen an. Und das reicht dann wieder für fünf Jahre Bewirtschaftung. In der konventionellen Landwirtschaft ist das anders, da wird nur weggenommen, also geerntet, und der Nährstoffbedarf künstlich zugeführt. Das ist der große Unterschied. Und für die Schädlingsbekämpfung wird, eh klar, fest gespritzt. 

Was macht ihr gegen Schädlinge?

Mit der Fruchtfolge hat man das gut im Griff. Aber es gibt natürlich Ausnahmen, den Erdäpfelkäfer zum Beispiel, der keine natürlichen Feinde hat. Darum haben wir auch nur Frühjahrskartoffeln. Wenn der Käfer dann einfällt und alles Grün abfrisst, sind die Kartoffeln schon fertig. 

Ist die Umstellung von konventionellen auf biologischen Landbau schwierig? Wie war das bei Euch?

Bei uns war das nicht so schwierig, mein Vater hat sehr früh umgestellt. Aber generell gibt‘s schon Herausforderungen. Man muss den Boden wiederaufbauen, weil ein konventionell bewirtschafteter Boden ist ein toter Boden. Wenn wir Acker dazu pachten, was oft vorkommt, und der Boden wurde konventionell bewirtschaftet, dann müssen wir zwei Jahre Luzerne anbauen, damit wir wieder einen Boden haben, mit dem wir arbeiten können. Was auch wichtig ist: Viele verkaufen die Luzerne, als Futtermittel, die mähen es ab. Aber wir mähen den Klee und lassen ihn am Boden liegen, das ist das Wichtigste, weil wenn ich‘s wegnehme, verliere ich wieder Nährstoffe. Aber viele wollen oder können sich das nicht leisten.

Wie wird kontrolliert, ob tatsächlich „Bio“ produziert wird?

Wir sind bei der Austria Bio Garantie, da hat man mindestens eine Kontrolle im Jahr und viel Bürokram. Früher war das anders, da war man mehr am Acker, heut ist man schon fast mehr im Büro (lacht). Du musst jedes Körnchen belegen, jeden Arbeitsschritt aufzeichnen, es gibt also sehr viel Aufzeichnungspflicht, und dann wird natürlich noch kontrolliert. 

Die Ama kann jederzeit unangemeldet kontrollieren kommen, da gibt‘s dann auch eine Hofbegehung und es wird geschaut, ob alles passt. Blattproben und so weiter werden auch jedes Jahr genommen.

Gibt es Unterschiede zwischen dem „Bio“ von Kleinbauern und dem „Bio“ der Supermarkt-Eigenmarken?

Schwierig. Natürlich geht mit einer Massenproduktion immer auch eine optimiertere Arbeitsweise Hand in Hand. Aber es gibt trotzdem auch viele kleine Zulieferer für die großen Ketten – wir haben z. B. früher mit unseren Erdbeeren den Hofer beliefert.

Generell kann man sagen, umso größer ein Betrieb, umso intensiver wird er bewirtschaftet. Viele Bauern, die jetzt umstellen, bleiben im Geist konventionell. Es gibt einen Betriebsmittelkatalog, was man einsetzten darf, das geht von Bio-Düngemittel bis Bio-Spritzmittel. Und die machen so weiter wie vorher, nur nehmen sie jetzt halt Bio-Stoffe. Die eigentliche Ideologie dahinter wurde aber nicht verstanden, dass man Spritzmittel und Dünger nur braucht, wenn‘s wirklich notwendig ist – bevor man einen totalen Ernteausfall hat z. B. Und so unterscheide ich halt Bio von Bio (lacht).  

Warum ist „Bio“ dann günstiger im Supermarkt?

Eine große Kette hat natürlich den Vorteil, dass sie bei bestimmten Produkten keinen Gewinn machen muss und sich das fehlende Geld über andere Produkte wieder reinholen kann. Und die Menge macht‘s aus. Wenn ich mit der Hand meine Erdäpfel ausgrab, muss ich dafür mehr verlangen, als wenn maschinell geerntet wird. Die Zuliefererbetriebe sind natürlich Bio, nur der ganze Apparat ist oft wesentlich größer. Bei Produkten aus dem Ausland ist das ganz oft der Fall, also z. B. in Rumänien, das sind Bio-Riesenbetriebe, Aktiengesellschaften. 

Jetzt zu Euch: Könntet ihr uns einen Überblick über die Geschichte eures Hofes geben?

Wir sind jetzt schon sehr lang da ... knappe 200 Jahre gibt‘s uns schon. Früher eine ganz normale kleine Landwirtschaft, auch mit Tieren. Mein Opa hat dann aber mit der Viehzucht aufgehört und auf reinen Acker- und Gemüsebau umgestellt. Mein Vater hat dann vor ungefähr 30 Jahren den Betrieb übernommen, hat ihn dann ein paar Jahre konventionell geführt, sich auf Erdbeeren spezialisiert und 1995/96 umgestellt auf biologisch. Und seitdem betreiben wir den ganzen Betrieb biologisch. Ich hab 2014 noch einen Betrieb dazu gegründet, die Selbsternteparzellen, mit denen meine Eltern schon begonnen hatten, übernommen und die CSA, die Solidarische Landwirtschaft, gegründet. 

Warum habt ihr euch entschlossen, auf Bio umzusteigen?

Bei meinem Vater war das vor allem ein Vortrag auf der BOKU, der ihn sehr inspiriert hat. Und natürlich auch das Drumherum, er hatte schon immer Probleme mit der Lunge beim Spritzen, das ist ihm auf die Nerven gegangen. Und deswegen hat er das dann gewagt und ist bis heute glücklich darüber, dass er diesen Schritt gewagt hat. Und ich hab‘s ja gar nicht anders gelernt. Ich würd das sowieso nicht anders machen.

Warum habt ihr begonnen Selbsternte-Parzellen anzubieten.

Mein Vater hat die Gründerin der Selbsternteparzellen, Regina Bruno, kennen gelernt und er war immer offen für kleine Projekte. Wir haben mit 5 Parzellen angefangen, jetzt haben wir schon wesentlich mehr. Es is ein super Projekt und wächst stetig weiter, weil alle was davon haben.

Was bedeutet „Solidarische Landwirtschaft“?

Das ist die gemütliche Variante zur Selbsternte-Parzelle. Da produziere ich das Gemüse und die Leute holen es einmal in der Woche ab. Die Solidarische Landwirtschaft (CSA) Gela Ochsenherz z. B. war, glaub ich, die erste in Österreich und betreibt eine klassische, „strenge“ Variante, bei der sich die Leute sehr stark einbringen und viel mitarbeiten und mitbestimmen. Wir machen eine abgeänderte Variante. Ich hab mich umgehört um zu schauen was die Leute wirklich interessiert, und es war nicht gefragt, dass man sich da so stark einbringt. Worum es geht, ist, dass man die Produktion auslegt auf den Bedarf. Es wird also so gut wie nix weggeschmissen, weil ich weiß, wie viel Mitglieder hab ich, was muss ich dafür anbauen.

Die Leute kommen wöchentlich mit ihren Taschen zu unserm Hof oder an den Standort in der Seidengasse und packen den Anteil an Gemüse, der ihnen zusteht, ein. Alles, was im Sommer übrigbleibt, verarbeiten wir und das gibt‘s dann im Winterkistl. Und so schließt sich der Kreislauf, natürlich absolut verpackungsfrei. Für mich ist das angenehm, weil ich relativ genau produzieren kann und nix auf den Markt führen und wieder nach Hause nehmen muss, weil ich‘s nicht verkaufen konnte.

Und wie viel nehmen die Leute dann wöchentlich mit?

Ein großes Kistl, oder ein Vollanteil, hat so um die 12 Kilo Gemüse. In der Sommersaison gibt‘s 24 Vollanteile, das fängt Mitte bis Ende Mai an, weil wir nur im Freiland produzieren, und geht bis Ende Oktober, Anfang November. Das Vollmitglied kommt jede Woche und holt sich seine 12 Kilo Gemüse. Die Teilmitgliedschaft ist flexibler, die hat 12 Anteile. Entweder ich komm jede Woche und nehm mir nur einen kleineren Teil oder ich komm alle zwei, drei Wochen und nehm mir alle 12 Kilos mit. Das große Abo kostet 525 Euro, die man am Anfang zahlt. Dann kommt man auf ca. 20 Euro pro Anteil.

 Die Mengen pro Anteil variieren natürlich. Am Anfang kann es sein, dass es bissl weniger is, der Wert des Gemüses kommt aber immer auf diese 20 Euro. Am Anfang des Jahres ist es eben noch relativ leicht, da sind viel Salate drinnen, und dann kommt irgendwann eine Spitze im Sommer, da gibt‘s dann recht viel, da geben wir dann auch Einmachtipps dazu und so weiter, und dann geht‘s wieder zurück. Die Bandbreite des Gemüses variiert natürlich auch, die ist im Sommer am größten.

 Wenn eine Ernte schlecht ist, dann wär der Anteil, den die Leute bekommen, in der Solidarischen Landwirtschaft theoretisch geringer. Ich mach das aber so, wenn ich einen Ernteausfall hab, dann besorg ich das, was fehlt. Wie gesagt, wir haben eine abgewandelte Variante der Solidarischen Landwirtschaft. Das Mitbestimmungsrecht der Leute ist schon recht groß, aber nicht so groß wie in anderen Solidarischen Landwirtschaften, wo alles von den Mitgliedern selbst organisiert wird. Bei uns kann jeder seine Ideen äußern und mithelfen, aber was i moch moch i.

 Prinzipiell geht‘s darum, dass soviel produziert wird wie gebraucht wird, und das erreich ma ganz gut. Bei manchen Kulturen arbeiten wir auch mit der CSA Bioschanze zusammen, Salat vor allem, weil wir so viel Rehe haben in Hirschstetten. Die fressen immer den Salat weg. Wir bieten auch Feld-Tage an, weil das Interesse ist da, dass die Leute auf den Acker kommen. Da mach am a Festl, ganz gemütlich, mit was zum Essen und zum Trinken. Das ist der Vorteil, ich seh meine Kunden jede Woche, das is a permanenter Dialog und gut für alle.

Danke fürs Interview!