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am 20. März 2016

Gedenken an die Lovara, Sinti und Roma im Bereich des Ringelseeplatzes

Webredaktion Grüne Donaustadt - Auf dem und um den Ringelseeplatz lebten Jahrzehnte hindurch Lovara, Sinti und Roma – ein weitgehend in Vergessenheit geratener Aspekt der Bezirksgeschichte, auf den die „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ in einer Veranstaltung am 17. März 2016 hinwies.

Bilder von dieser Veranstaltung gibt es unter diesem LINK.


Die Gedenkplattform Transdanubien schlägt vor, in der Franklinstraße/Ecke Prießnitzgasse eine Erinnerungsstätte für Floridsdorfer Lovara, Sinti und Roma zu schaffen. (Fotos: Heinz Berger, Gerhard Jordan, Klaus Pahlich, Brigitte Parnigoni, Alexe Schmid)

Die aus AktivistInnen verschiedener zivilgesellschaftlichen Initiativen und Parteien bestehende Gedenkplattform hatte sich seit ihrer Gründung 2011 alljährlich der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewidmet, aber gleichzeitig auch auf Ereignisse der Geschichte der Bezirke 21 und 22 und auf aktuelle Bezüge hingewiesen – im Jahr 2015 etwa, anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung, auf die Hinrichtung von Deserteuren, auf die KZ-Nebenlager, ZwangsarbeiterInnen und die Todesmärsche in den Bezirken jenseits der Donau.

Das Bewusstsein für die Vergangenheit des Ringelseeplatzes – ein heute von umzäunten Schulsportflächen dominierter, wenig frequentierter Platz auf dem Mühlschüttel, südlich der Franklinstraße – wurde nicht zuletzt durch die Ausstellung „Romane Thana“ im „Wien Museum“ im Frühjahr 2015 geweckt, und durch die mit ihr verbundenen Veranstaltungen wie z.B. die Rundgänge von Willi Sylvester Horvath.

Die Veranstaltung der Gedenkplattform begann, aus traurigem Anlass, mit einerSchweigeminute zum Gedenken an den knapp eine Woche zuvor, am 12. März, verstorbenenRudolf Sarközi, der sich – als Burgenland-Rom 1944 im Zigeuner-Anhaltelager Lackenbach geboren – sich Zeit seines Lebens für Menschenrechte und gegen Diskriminierung eingesetzt hatte. 1991 gründete er den „Kulturverein Österreichischer Roma“, als dessen Vorsitzender er maßgeblich dazu beitrug, dass die Roma in Österreich 1993 als Volksgruppe anerkannt wurden.


Im Namen der Gedenkplattform begrüßte Gerhard Jordan, Historiker und Bezirksrat der Grünen in Floridsdorf, die Anwesenden und stellte das Anliegen vor, eine Erinnerungsstättezu schaffen, die auf die bis in die 1960er-Jahre am und um den Ringelseeplatz lebenden Lovara, Sinti und Roma, und vor allem an jene unter ihnen, die der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer fielen, hinweist. Ein Antrag der Grünen, eingebracht in der Bezirksvertretungssitzung am 10. Februar 2016, wurde – mit den Stimmen aller Parteien außer der FPÖ – der Kultur- und Benennungskommission zugewiesen, wo er im April behandelt werden wird.

Der Vorschlag ist, über die von der Stadt Wien geförderte KÖR (Kunst im öffentlichen Raum GesmbH) einen Wettbewerb zur Errichtung eines Denkmals oder einer ähnlichen Installation auszuschreiben, zu der auch KünstlerInnen aus den Communities der Lovara, Sinti und Roma eingeladen werden sollten. Als Standort eignet sich ein Platz in der Franklinstraße nahe des Hallenbads, bei der Einmündung der Prießnitzgasse. Dort fand auch der Auftakt der Gedenkveranstaltung statt.

Ilse Fitzbauer (SPÖ), Bezirksvorsteher-Stellvertreterin in Floridsdorf, betonte ihre Unterstützung des Antrags, würdigte den verstorbenen Rudolf Sarközi, mit dem sie bei verschiedenen Anlässen zusammengearbeitet hatte, und wies auf die Bedeutung des Gedenkens hin, gerade in einer Zeit, wo es – wie im Februar in Linz – Brandanschläge auf Roma-Zeltlager gibt.

Der erste Teil der Veranstaltung, an der über 80 Personen, darunter mehrere Familien aus der Lovara-Community, VertreterInnen von Initiativen wie „Rassismusfreies Transdanubien“, aus dem wissenschaftlichen Bereich (z.B. dem „Wien Museum“) sowie BezirkspolitikerInnen von SPÖ, GRÜNEN, KPÖ und NEOS teilnahmen, wurde mit einer kleinen Manifestationabgeschlossen: Die TeilnehmerInnen legten Blumen in einen Korb an jener Stelle, an der, nach dem Vorschlag der Plattform, die Erinnerungsstätte zum Gedenken an die dem NS-Terror zum Opfer gefallenen Lovara, Sinti und Roma, die im Bereich Mühlschüttel und Bruckhaufen gelebt hatten, entstehen soll.

AAnschließend wurde bei einem Spaziergang der Ringelseeplatz umrundet, an dem heute nichts mehr an seine Vergangenheit erinnert: Das Hallenbad Floridsdorf, Schulen, Sportanlagen, ein Kindergarten sowie Gemeinde- und Genossenschaftsbauten prägen heute das Stadtbild dort, wo einst Roma lebten und sich bis 1965 der einstige Fußballplatz des heute in der Nordmanngasse 24 beheimateten SR Donaufeld befand.

Im Gasthaus Birner, in dem Roma immer willkommen waren und in dem die meisten ihrer Feste und Feiern nach Hochzeiten, Taufen oder Begräbnissen stattfanden, wurde schließlich an das Leben rund um den Ringelseeplatz erinnert.

Heinz Berger, Bezirksrat in Floridsdorf, Historiker und Aktivist der Initiative Donaufeld, informierte über die bisherigen Aktivitäten der Gedenkplattform und stellte die drei ZeitzeugInnen sowie Willi Sylvester Horvath, aus einer Lovara-Familie stammend und einer der Gastkuratoren der Ausstellung „Romane Thana“, vor.

Willi Horvath, Jahrgang 1966, der einen Teil seiner Jugend auf dem Mühlschüttel in den damaligen Höfen und Wohnungen seiner Verwandten verbracht hatte, zeigte alte Aufnahmen aus seinem Familienarchiv, von denen viele in der Mühlschüttelgasse, in der Franklinstraße, in der Patrizigasse und an anderen Plätzen des Bezirksteils Donaufeld entstanden. Besonders bei der Präsentation älterer Fotos halfen anwesende Mitglieder der Familien Horvath und Stojka in engagierter Weise, die abgebildeten Personen zu identifizieren und etwas über deren Leben zu sagen. Immer wieder waren auch Pferde im Bild – die Lovara waren nämlich vor dem Durchbruch des Autos vor allem als Pferdehändler tätig. Leider, so Willi Horvath, wurden jene Angehörigen, die den Nazi-Terror überlebt haben, meist nicht sehr alt und daher ging Vieles, was zur Aufarbeitung der Vergangenheit beitragen hätte können, verloren.

Besonders interessant wurde dann der Beitrag dreier ZeitzeugInnen, die den Ringelseeplatz und seine Umgebung aus ihrer Kindheit bzw. Jugend kannten und die im Gespräch mit Willi Horvath und Gerhard Jordan über ihre Erinnerungen berichteten.

Die Sängerin Ruzsa Nikolić-Lakatos, geboren 1945 in Ungarn, kam mit ihrer Familie nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 nach Österreich. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Tirol ergab sich die Möglichkeit, einen Wohnwagen am Ringelseeplatz zu mieten. Dort lernte sie ihren späteren Mann Mišo Nikolić kennen, der damals auf der Gitarre „Let’s twist again“ spielte und den sie 1962 heiratete. Auch an das Boogie-Tanzen im Gasthaus Birner kann sie sich gut erinnern. Bis heute tritt sie mit dem Ensemble „Ruzsa Nikolić-Lakatos und Ethno Experience“ auf und gibt das traditionelle Liedgut der Lovara an junge Generationen weiter. Die damalige Stimmung auf dem Ringelseeplatz hat sie als „wunderbar“ in Erinnerung – das bunte Leben, an dem auch Sinti und Nicht-Roma („Gadsche“) teilnahmen.

Der Sprachwissenschafter Mozes F. Heinschink wurde 1939 in Oberndorf bei Melk geboren. Er kam, wie er erzählte, um 1962 durch Zufall auf den Mühlschüttel: Damals, es war kurz vor Weihnachten, wurde er von einer aus Belgrad stammenden Roma-Frau auf der Kärntner Straße angesprochen und um Hilfe gebeten. Er hatte kein Geld bei sich, versprach aber, zu Weihnachten bei ihr vorbeizukommen und ihr etwas zu bringen. Die Adresse war der Ringelseeplatz. Als er mit einem Geschenkpaket dort eintraf, wurde er freudig empfangen und war von der Atmosphäre beeindruckt. Er kam immer öfter, wurde „wie ein Sohn aufgenommen“, und beim Deutsch-Nachhilfe-Geben für die Kinder lernte er selbst Serbisch, Romanes und in der Folge auch weitere Roma-Sprachen und -dialekte. Bald kam er mit einem Tonband und machte Hunderte Stunden Aufnahmen von Liedern, Märchen und Erzählungen der Roma. So entstand sein Archiv (heute im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), das heute eine der größten Sammlungen von Tondokumenten über die Kultur und Musik der Roma Zentral- und Südosteuropas sowie der Türkei umfasst. Mozes Heinschink betont, dass auch „Gadsche“ viel von den Roma lernen können, vor allem Gastfreundschaft. Man müsse nur bereit sein, zuzuhören und „sich einzulassen“. Deshalb will er auch nicht als „Roma-Forscher“ bezeichnet werden, sondern sieht sich als „Vermittler“.

Der Sinto-Künstler Alfred Ullrich schließlich, der heute als Grafiker, Video- und Aktionskünstler in Bayern lebt, stammt mütterlicherseits aus einer Sinti-Familie, die bis 1939 auf dem Bruckhaufen, im Bereich Kugelfanggasse/Standgasse, lebte, Während seine Mutter den Krieg und die KZs Ravensbrück und Buchenwald überlebte, kamen 11 ihrer Geschwister in den Konzentrationslagern der Nazis um. Danach, so berichtet er, war das Leben anders als vorher und nicht mehr unbeschwert. 1948 geboren, kam Ullrich mit seiner Mutter 1952 nach Floridsdorf und lebte in einem Plankenwagen. Er besuchte ab 1954 die Volksschule Kinzerplatz 9. Dass dies nicht immer „harmonisch“ gewesen sein dürfte, deutet er mit seiner Erinnerung an, dass „Zigeunerbuben“, wenn sie älter waren als der Durchschnitt der Klasse, manchmal gehänselt wurden. Im Gedächtnis blieben ihm u.a. die Trauerweide auf dem Freiligrathplatz, die als Spielgerät benutzt wurde, das „Versenken“ von Tretrollern in der Alten Donau, eine Greißlerin und Dr. Otto Benedik, der Armenarzt vom Bruckhaufen, der alle Roma-Kinder gratis behandelte. Auch der Ringelseeplatz ist ihm in lebhafter Erinnerung – vor allem, dass am Abend die Lovara aus ihren Pferdehöfen auf den Platz kamen, Lagerfeuer machten und gemeinsam musizierten.

Im Sommer wurde mit Pferdefuhrwerken losgefahren, Ullrichs Verwandte verkauften Vorhänge, oder reparierten Musikinstrumente, Regenschirme usw. Noch im Kindesalter übersiedelte er in den 8. Bezirk, wo er später begann, sich für Kunst und Kultur zu interessieren.

Nach einer Fragerunde aus dem Publikum an die ZeitzeugInnen schloss Heidi Sequenz, Mitbegründerin der Gedenkplattform und Klubobfrau der Donaustädter Grünen, den Abend mit einem Ausblick ab: Ihre SchülerInnen (sie unterrichtet in einem Gymnasium im 22. Bezirk) hätten bereits Interesse an einer vorwissenschaftlichen Arbeit über die Roma im Donaufeld gezeigt, und im nächsten Jahr möchte sich die Gedenkplattform mit dem einstigen „Brettldorf“ – einer Siedlung, an deren Stelle sich heute ein Teil des Donauparks, die UNO-City und der Wohnpark Donau-City befinden – beschäftigen.